EIN PALLIATIVARZT BERICHTET VON EINER PATIENTIN, DIE ER BEGLEITET  UND DIE ER NUR IM PFLEGEBETT UND IM STANDARDISIERTES PFLEGEHEMD GESEHEN HAT. ALS ER SIE NACH DER ENTLASSUNG IN IHREN ALLTAGSKLEIDERN BEGEGNETE, FRAGTE ER SICH, OB ER SIE VIELLEICHT ANDERS BERATEN HÄTTE, WENN ER GEWUSST HÄTTE, WAS FÜR EIN MENSCH SICH HINTER DER «UNIFORM DES KRANKEN» VERBARG.







                Ein Pflegehemd wird meist über Wochen oder gar Monate in verschiedenen Situationen und Gesundheitszuständen getragen, oftmals gehören Schutzhosen auch noch dazu. Auf Schlafhosen wird gerne verzichtet, da sie unnötig erscheinen, zusätzliche Strapazen erzeugen oder das Anziehen zeitaufwendig ist. Welche Auswirkungen diese neuen, uns fremden Kleidungsstücke auf unser Wohlbefinden haben, wird meist unterschätzt. Ein Pflegehemd wie auch andere textile Bekleidungs- und Pflegedinge haben immer, wie alle Dinge, die uns umgeben, eine funktionale und symbolische Ebene des Gebrauchs.

                Sein Schnitt macht die Pflege pflegeleicht. Das Design ist so gewählt, dass es im Bett nicht stört. Der Schlitz am Rücken hilft bei der Körperpflege. Seine spezielle Form symbolisiert den Status “krank”. Das Pflegehemd, meist ständiger Begleiter schwerer Krankheit, kann Sicherheit schenken, verknüpft sich mit Genesung oder produziert durch seine Gestalt zusätzlich Leid. Das Pflegehemd so wie wir es kennen ist eine Uniform des Krankseins. Es anonymisiert unsere Persönlichkeit durch sein standardisiertes Design.

                Sensibel gestalte Care-Kleidungsstücke könnten, wie alle anderen Kleidungsstücke auch, transformative Identitätsprozesse begleiten und somit als begleitende Übergangsobjekte fungieren.

                Sie könnten unserer Persönlichkeit Ausdruck verleihen und uns ermöglichen, in eine neue Lebensphase einzufinden. Professionell designte Pflegewäsche kann wortlos Wissen vermitteln, wie es etwa Baby-Trinkflaschen und Strampler und farbenfrohe Windeln auch tun.

                Sicher ist es nicht die Aufgabe der Pflegeeinrichtungen und Institutionen, auf die individuellen Geschmäcker der Patent*innen einzugehen, dennoch sollten wir ein Bewusstsein für die materielle Kultur und das omnipräsenten Form follows function-Design entwickeln. Schliesslich stellt die Ästhetik der Dinge ein wichtiges strukturierendes Element dar.
               
Wenn es dunkel wird, sind wir darauf angewiesen, uns mit Hilfe von Lampen mit künstlichem Licht zu beschaffen. Die unzähligen Formen von Lichtquellen in  Wohnräumen deuten darauf hin, dass Beleuchtungen nicht nur einen reinen funktionalen Wert haben.  Dinge ermöglichen selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen, und durch sie wird uns die Möglichkeit geboten, sichtbar zu machen, wer wir sind oder gerne sein würden.
          
                  Besonders Bekleidung hat eine salutogenetische und orientierungsgebende Kraft für verschiedene Phasen unseres Lebens. Wir nutzen sie bewusst oder unbewusst und sollten diese Kraft auch am Ende des Lebens nicht unterschätzen sondern vielmehr anerkennen. Sicherlich hören wir alle nicht auf, diejenigen zu sein, die wir sind - auch wenn schwere Krankheiten unser Alltagsleben unterbrechen oder unabdingbar verändern.
 
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